Wenn ich Lust auf Cannabis habe, dann nicht, weil ich konkret die Wirkung will, sondern weil ich einfach etwas machen will, mit dem ich eine angenehme Wirkung verbinde. Die Lust ist nicht an die Erinnerung an die Wirkung gekoppelt, sondern an die Handlung, die zu dieser Wirkung führt. Das Gehirn ist klug genug, mich nicht an diese komplexe Substanz zu hängen, die ich nicht begreife. Es macht es ganz einfach: es hängt die Lust an die Konsumform.
Ich habe gerade den idealen Abstand zur Wissenschaft. Ich weiß genau so viel, wie ich wissen muss. Ich hänge keiner Lehre an, ich erspare mir Wortwitze mit Leere und weiß nicht, warum ich mich für ein Publikum in Genre- oder Selbstbild-Formen stecken soll. Wie kann man überhaupt an ein Genre, einer Gattung hängen? Indem man seine Gefühle anpasst. Einen Schritt weiter: Woran passt man noch seine Gefühle an? An die Mitmenschen, das Wirtschaftssystem, Musik, Bücher und andere Kunstwerke. Ich gebe Euch mein Taumeln, oder zumindest einen Pfeil auf das, was ich erreichen will: die Grenzbereiche des Selbstgefühl nach Möglichkeiten erkunden, das Leben als solches zu erweitern, bzw. das Bewusstsein darüber, dass das, was uns ausmacht, viel mehr ist und wir in unserem Alltag nur auf eine weiße Wand starren verglichen mit dem, dem wir unsere Aufmerksamkeit stattdessen hätten widmen lernen sollen. Vielleicht kann man den Schlägen der Augen der kaltherzigen Mutter niemals ausweichen und die Wunden niemals vergessen. Als Kind ist man so extrem weich - man ist von allem beeindruckt. Wie sehr dominiert das Gesicht der Mutter die Realität!? Totale Abhängigkeit. Man lernt, wofür man gelobt und getadelt wird. Um das Trauma ständiger Bestrafung zu verarbeiten, entwickelt sich ein Schutzmechanismus: das Ich. Es ist der Verwalter zwischen dem, was man will und was man darf, sondern auch zwischen dem, was wahr ist und was falsch. Mutterliebe prügelt unsere Aufmerksamkeit und Bedürfnisse auf das für diese Gesellschaft nötige und erträgliche Level. Vielleicht ist es möglich, dass diese Gedanken in der Lage sind, mich in ein paar Sekunden hinter den Regenbogen zu führen. Und wenn nicht, lohnt es sich dann, es weiter zu versuchen? Hier muss ein ästhetischer Leser antworten - oder ein ergebnisoffener Neurologe.
Die Menschen sind sich alle so ähnlich, sie kopieren alle bestimmte Lebensentwürfe. Das was die heutigen Menschen (im Neoliberalismus, Anmerkung meines Mitbewohners) unterscheidet ist banal verglichen mit dem, was sie vereint. Die gleichen Bücher, die gleiche Musik, die gleiche Auffassung von Realität. Und auch ich kann nur kopieren: Worte, Stile, Haltungen, Träume... Individuum sein bedeutet, das auszubeuten, was die Anderen noch nicht angegriffen haben. Ich hänge wie ein zerknittertes und leicht angekokeltes Nirvana-Plakat an einer Garagenwand.
Du bleibst solang ein Hampelmann der Anderen, bis du verstehst, dass jeder Selbstmord ein fröhliches Ereignis ist.
Wer an seiner Sexualität und an seiner Unfähigkeit extrem panisch zu sein hängt, wird niemals hinter die konstruierte Wirklichkeit seines Gehirns kommen. Das Gehirn muss gebogen werden, keine Axiome dürfen sich mehr halten können. Deshalb ist der Skeptiker - solang er alle Zweifel verinnerlicht hat und nicht bloß ein Hampelmann des Skeptizismus ist - besonders geeignet, sich in der Welt jenseits bewusster neuronaler Prozesse umzuschauen: denn er ist offen genug und im Idealfall von nichts zu beeindrucken. Also gut....Ich werde heute, 3 Tage nach der letzten DXM-Erfahrung, nochmal 24 Kapseln, nein, lieber erstmal 18 nehmen und genau hinschauen, was alles passiert mit meinem Ich, was es mit der Angst, der Bedrohung, der abgrundtiefen Düsternis und Beklemmung auf sich hat. Ich schaue mir eine Dokumentation über Zeit zur Vorbereitung an.
Und noch eine über das Bewusstsein.
Ich behaupte versuchsweise folgendes: der anatomisch spät reifende dorsale Frontalkortex kontrolliert alle Empfindungen, die von unten aus dem Körper ins Gehirn steigen. Aus der Gewöhnung daran, was zugelassen und was abgewiesen wird, entsteht das Ich-Gefühl und mit ihm eine Interpretation der Wirklichkeit. Unser Konzept von der Realität ist gebunden an Tätigkeiten. Wenn wir nichts tun, uns den alltäglichen Reizen entziehen, dann kann sich vielleicht das Gehirn auf längere Sicht umstrukturieren. Drogen wie Gras, LSD und DXM erweitern unser Bewusstsein, sie versetzen uns kurzfristig (wenn wir auf ihnen "hängenbleiben" auch langfristig) in einen nicht-alltäglichen neuronalen Zustand, sie erweitern unser Ichempfinden oder lösen es sogar auf, sodass wir die Wirklichkeit nicht nur anders wahrnehmen, nein wir gestalten sie auch erst zu etwas ganz anderem. Wenn die Wirkung nachlässt und die Ichstrukturen wieder aktiviert sind, gelangen wir wieder in das Universum, in dem wir bloß Drogen genommen haben. Indem wir Drogen nehmen, verändern wir das, was wir das Univerusm nennen, indem wir Drogen nehmen. Die Welt sieht wirklich so aus wie unter Einfluss der genannten Droge: denn die Wirklichkeit hängt immer von unserem Gehirnzustand ab. Das bedeutet z.B.: wir hören auf zu altern, wenn wir unsere Wahrnehmung lang genug auf das Jetzt richten und wir unsere Erinnerungen und unsere Erwartungen vergessen. Aber: würden wir in diesem hermetischen Kloster der Gegenwart ohne unser Wissen von Wissenschaftlern beobachtet, würden sie feststellen, dass wir altern. Aber: das können sie nur, weil sie sich in einem ganz anderen Universum befinden, nämlich in ihrem eigenen, das von ihrem Ich, ihrem Zeitgefühl, und wohl auch ihrer Moral und ihrem Gesellschaftssystem geprägt wurde. Der nicht-alternde Asket und der rationale Wissenschaftler leben nicht im selben Universum, deswegen können sie beide real und irreal zugleich sein, je nachdem, in welchem Universum man sich befindet. Wer im LSD-Rausch meint fliegen zu können und aus dem Fenster springt, kracht in dem Universum, indem er von rationalen, nüchternen Menschen beobachtet wird, auf den Boden und ist tot, aber in seinem eigenen Universum lebt er weiter. Obwohl alles, was er ist, an seine Hirnfunktionen gebunden ist und ein auf dem Boden zerschelltes Gehirn nicht mehr arbeiten kann, hat ihn der Rausch in eine Realität katapultiert, in der er wirklich fliegen kann, eine Welt, die man niemals denken und beschreiben kann, wenn man sie nicht betreten hat. Springt der LSD-Konsument nicht und verfängt sich am Ende des Rausches wieder in seinem Körper und der an ihn gebundenen alltäglichen Realität, hat er den Absprung in ein anderes Universum - zu seinem Glück oder Unglück - nicht geschafft. -- Wenn das alles nicht stimmen sollte, funktioniert der Text trotzdem als Beschreibung meines Faibles für Schizophrenie.
"Nur das Bewusste wird lokal im Gehirn erzeugt."
Geformt aus Begriffen, Erinnerungen und Erfahrungen (aus denen sich das Werkzeug der Logik zusammensetzt) klafft das Ichbewusstsein wie eine Wunde im Gehirn des asketischen Menschen, die nur die Zeit heilen kann. Bestimmte Drogen können vielleicht unter bestimmten Umständen diesen Heilungsprozess beschleunigen. Welche Drogen und welche Umstände das sind, das muss die Wissenschaft, auch in Zusammenarbeit mit der Kunst herausfinden.
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